Europe’s next sovereign Office Star
Cloud Act, Patriot Act, Datentransfers in Drittstaaten: Wer seine Office-Infrastruktur bei amerikanischen Anbietern betreibt, gibt einen erheblichen Teil seiner digitalen Souveränität ab. Für Unternehmen in regulierten Branchen, für die öffentliche Verwaltung und für jede Organisation mit sensiblen Daten ist das ein Compliance-Risiko.
Lange standen sie im Hintergrund der großen Bühne der Bürosoftware: Open-Source Office Suiten als Alternativen zu den eingespielten Big-Playern. Durch das Thema „Digitale Souveränität“ und stärkere Datenschutzanforderungen stehen die Alternativen zu den etablierten Office-Plattformen endlich im Rampenlicht. Wie stark sich die Wahrnehmung verändert hat, zeigte sich zuletzt auf Bundesebene: So stellten am Tag der offenen Tür der Bundesregierung 2026 das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) mit dem Zentrum Digitale Souveränität (ZenDiS) OpenDesk am 20. und 21. Juni zum Selbsttest vor. Das BMDS hat zudem die Schirmherrschaft für den zweiten Open-Source-Wettbewerb für die öffentliche Verwaltung übernommen. Bewerbungen sind noch bis zum 30. Juni 2026 möglich.
Microsoft selbst liefert mit jeder Preisrunde neuen Applaus für die europäischen Herausforderer. Zum 1. Juli 2026 dreht der Konzern erneut an der Preisschraube für seine 365-Business-Abonnements für Geschäftskunden und Kunden aus dem öffentlichen Sektor: Business-Basic-Abonnements wurden um 16 Prozent teurer, Business-Standard um 12 Prozent, Frontline-Pläne um 33 Prozent. Die für Microsoft 365 verantwortliche Managerin Nicole Herskowitz begründete dies mit neuen Funktionen wie Sicherheit, Management, und vor allem aufgrund von neuer KI-Funktionalität. Die vollwertige Copilot-Lizenz kostet jedoch weiterhin 28 Euro extra pro Nutzer im Monat. Unternehmen, die keine KI-Integration wollen oder brauchen, zahlen also mehr für Features, die sie nicht nutzen.
Die Kandidaten aus der Open-Source-Community haben in den letzten Jahren kräftig trainiert und treten mit dem Profil aus Datenschutz, Transparenz und offenen Standards an. Viele dieser Lösungen können in eigenen Rechenzentren oder bei europäischen Cloud-Anbietern betrieben werden mit mehr Souveränität und Kontrolle über eigene Daten. Angetrieben von dem kräftigen Rückenwind auf Seite der Alternativen und dem medialen Interesse, hat das Casting für die passende Office Suite neu begonnen. Dieses Mal unter anderen Regeln.
Die europäischen Kandidaten betreten die Bühne
Am 9. Juni 2026 veröffentlichte eine Koalition europäischer Technologieunternehmen, u.a. Nextcloud, IONOS und Proton, die erste Stable Version 1.0 von Euro-Office. Das Projekt greift auf den Open-Source Code von OnlyOffice zurück und wurde über öffentliche GitHub-Repositories veröffentlicht, unter der GNU Affero General Public License v3 (AGPL v3) vertrieben und richtet sich als DSGVO-konforme Alternative an Behörden, Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Bisher ist Euro-Office Browser-basiert und kann als Modul in Cloud-Dienste integriert werden, etwa in Nextcloud oder Proton Drive. Eine lokale Anwendung für den Rechner oder Apps für das Smartphone sollen folgen. Doch die Herausforderer punkten dagegen auch mit modernen Features wie den über Nextcloud integrierten KI-Assistenten. Um den Anforderungen des EU-KI-Gesetzes gerecht zu werden, legen die Entwickler dabei offen, welches Sprachmodell im Hintergrund aktiv ist.
Vor dem Launch kritisierte „The Document Foundation“, die Organisation hinter LibreOffice, den Newcomer in einem offenen Brief. Der erste Streitpunkt betraf das Marketing: Euro-Office vermarkte sich als „erste in Europa entwickelte Open-Source-Bürosuite“. OpenOffice startete bereits im Jahr 2001 und legte 2010 das Fundament für LibreOffice, das seit nun 15 Jahren im Markt tätig ist. Schwerer wiegt jedoch die Kritik, auf das von Microsoft entwickelte und kontrollierte Dateiformat OOXML zu setzen. Dies stehe im Widerspruch zum erklärten Ziel der europäischen digitalen Souveränität. Aus ihrer Sicht biete das offene Format ODF bessere Voraussetzungen für Unabhängigkeit und Kontrolle über eigene Inhalte. Durch die Nutzung des von Microsoft kontrollierten Formats entstehe ein neuer digitaler Abhängigkeitsstrudel. Die Euro-Office-Entwickler räumten dies ein und betonten, dass proprietäre Formate ein echtes Hindernis für die digitale Unabhängigkeit darstellen. Langfristig soll ODF das Microsoft-Format OOXML als Standard in der Suite ablösen. Der Start mit OOXML sei eine bewusste Entscheidung gewesen, um Organisationen eine kompatible Plattform zu bieten, von der aus sie schrittweise migrieren können.
Trotz der Backstage-Sticheleien/Reibungen im Teilnehmerfeld hinter den Kulissen präsentieren sich die Kandidaten auf der Bühne mit einem klaren Profil:
Doch die beste Performance auf der Bühne nützt wenig, wenn das Publikum im Saal das Lied nicht fühlen kann.
Eine altbekannte Melodie…
Eine große Hürde für die Einführung alternativen Office-Suiten sind die Mitarbeitenden und deren Gewohnheiten: Wer als Schüler oder Student gelernt hat, mit Word und Excel zu arbeiten, wird im Berufsleben kaum freiwillig wechseln. Microsoft betreibt Programme zu dieser „Software-Sozialisation“: Der A1-Plan von Office 365 ist für Schülerinnen und Studenten sowie ihre Bildungseinrichtungen kostenfrei und über das Lizenzprogramm "Enrollment for Education Solutions" können Universitäten und Hochschulen Microsoft-Produkte günstig mieten. Dagegen forderte Harald Wehnes, Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises Digitale Souveränität der Gesellschaft für Informatik, auf dem europäischen Digitalgipfel 2026, Kostenparität im Bildungswesen für OpenDesk als Alternative zu M365 zur kostenfreien Bereitstellung von OpenDesk für Hochschulen und Schulen. Die Gewöhnung von heute führe zur Abhängigkeit von morgen durch langfristige Bindung der nächsten Generation.
So begannen die Open-Source-Alternativen, ein ähnliches Lied anzustimmen mit Unterstützung der jeweiligen Regierung: Schleswig-Holstein integrierte im Rahmen seiner Initiative "digital + souverän" LibreOffice und FOSS in Schulen und Verwaltung. In den Niederlanden hat Cloudwise eine Partnerschaft mit Nextcloud gebildet zum Aufbau einer datenschutzkonformen Lern- und Arbeitsumgebung für niederländische Schulen. Frankreich griff im Bildungssektor hart durch und untersagte die Nutzung von M365 und Google Workspace and französischen Schulen, da diese der DSGVO nicht entsprechen.
Dennoch liegt noch ein weiter, steiniger Weg vor den alternativen Anbietern: Microsoft hat die Anwender-Sozialisierung über Jahrzehnte mit kostenlosen oder stark rabattierten Lizenzen institutionalisiert. Open-Source-Alternativen haben begonnen denselben Weg zu gehen, liegen strukturell aber weit hinter Microsoft.
Die letzte Entscheidung liegt beim Publikum
Die Nachfrage nach digitaler Souveränität, DSGVO-konformen Lösungen und mehr Kontrolle über die eigenen Daten sorgt derzeit für Rückenwind bei europäischen Office-Anbietern. Projekte wie Euro-Office, OpenDesk, LibreOffice oder SoftMaker profitieren davon, dass immer mehr Organisationen ihre Abhängigkeit vermindern wollen und von der sich für souveräne Lösungen öffnenden politischen Situation.
Eine starke Nachfrage käme laut Nexcloud insbesondere aus dem öffentlichen Sektor, der hochsensible und regulierte Daten verarbeitet, sowie aus mittelständischen Unternehmen, die ihr geistiges Eigentum schützen und ihre Abhängigkeit von großen Cloud-Anbietern reduzieren wollen.
Office-Suiten werden u.a. danach bewertet, ob Mitarbeitende ihre Arbeit damit genauso zuverlässig erledigen können wie zuvor. Daher setzen die europäischen Anbieter auf vertraute Bedienkonzepte Microsofts. Die Benutzeroberflächen orientieren sich häufig an den etablierten Office-Produkten, um Schulungsaufwand und Umstellungskosten möglichst gering zu halten. Gleichzeitig entstehen neue Ökosysteme rund um offene Standards. Dabei muss der Wechsel nicht von heute auf morgen erfolgen: Ein schrittweiser Ansatz kombiniert bestehende Lösungen mit dem Ersetzen einzelner Komponenten nach und nach. Wer auf einzelne Microsoft-Funktionen angewiesen ist, kombiniert diese oder migriert schrittweise. Entscheidend ist dann, ob europäische Alternativen dauerhaft als leistungsfähige Wahl wahrgenommen werden.
Tabellen, Präsentationen und Textverarbeitung beherrschen inzwischen nahezu alle Kandidaten. Entscheidend wird vielmehr, ob sie ein eigenes Ökosystem aus Anwendern, Dienstleistern, Bildungseinrichtungen und Softwarepartnern aufbauen können. Die Frage lautet, ob Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen bereit sind, diese Alternativen tatsächlich einzusetzen. Die Kandidaten stehen auf der Bühne. Ob daraus ein neuer Superstar wird, entscheidet nun das Publikum.
Verfasser: Cüneyt Baluch