Unternehmensberater und Zitronenfalter - Was ich in meinen ersten sieben Monaten bei COMPLION über Beratung, Erfahrung und meine Abneigung gegen PowerPoint gelernt habe

07/10/2026

Unternehmensberater und Zitronenfalter

Was ich in meinen ersten sieben Monaten bei COMPLION über Beratung, Erfahrung und meine Abneigung gegen PowerPoint gelernt habe

Es ist der 16. Januar 2026. Ich sitze in Köln, halte einen Kaffee in der Hand und schaue auf eine Excel-Präsentation in Schriftgröße 8.

Vor mir Tabellen, Zahlen und mehr Spalten, als ein Mensch auf einem Bildschirm gleichzeitig erfassen sollte.

Ich werde in wenigen Tagen offiziell zum Unternehmensberater.

Ist das meine Zukunft?

Mein Einstieg bei COMPLION war ein Sprung ins kalte Wasser. Ein Freund hatte mich empfohlen und den Kontakt zu einer Kollegin hergestellt. Es folgten Gespräche und irgendwann die Frage, ob ich mir vorstellen könnte, bei COMPLION an Bord zu gehen.

Konnte ich.

Ob ich dort auch wirklich Wert erzeugen kann, war für mich eine andere Frage.

Der Empfang in Köln war warm, offen und unterstützend. Gleichzeitig saß ich zwischen Kolleginnen und Kollegen, deren fachliche Tiefe mich zu Beginn durchaus eingeschüchtert hat. Viele mit Masterabschlüssen, manche mit Jahrzehnten Erfahrung in ihren Themengebieten.

Und ich?

Ich brachte einen ziemlich krummen Lebenslauf mit.

 

Wir kochen auch nur mit Wasser

Eine geschätzte Kollegin hat meine anfänglichen Zweifel am Abend beim Essen angenehm nüchtern eingeordnet:

„Wir kochen auch nur mit Wasser.“

Sie behielt Recht.

Natürlich gibt es Situationen, in denen mir Wissen fehlt. Das wird vermutlich auch so bleiben. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen sind mir in ihren Fachgebieten Jahre oder Jahrzehnte voraus.

Gleichzeitig habe ich in den vergangenen Monaten verstanden, dass Erfahrung eine eigene Form von Wissen erzeugt.

Ich komme aus dem Versicherungsvertrieb, aus Webentwicklung und Selbstständigkeit, aus Marketing und Management. Ich habe Systeme gebaut, Kunden beraten, Projekte verkauft, Entscheidungen getroffen, Teams geführt und irgendwann als Chief Digital Officer Verantwortung getragen.

Keine dieser Stationen hieß Unternehmensberatung.

Beratung war trotzdem fast immer Teil davon.

Menschen kommen mit einem Problem. Man versucht zu verstehen, worum es wirklich geht. Dann sucht man nach einer Lösung, die in der Realität funktioniert.

Ein Studium erzeugt Wissen und methodische Tiefe. Berufserfahrung erzeugt andere Perspektiven, Routinen und manchmal auch eine ziemlich ausgeprägte Intuition dafür, wann etwas in der Praxis nicht funktionieren wird.

Interessant wird es dort, wo beides zusammenkommt.

Und vermutlich ist genau diese Mischung der Grund, warum ein Team mit sehr unterschiedlichen Hintergründen funktioniert.

 

Unternehmensberater beraten Unternehmen. Dachte ich.

Eine meiner naiveren Vorstellungen vor dem Einstieg war, dass Unternehmensberater vor allem eines tun:

Unternehmen beraten.

Nach sieben Monaten würde ich sagen: Das kommt vielleicht nicht ganz hin und verhält sich ein wenig wie die Annahme, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

Was ich unterschätzt hatte, war das Handwerk hinter dem sichtbaren Moment der Beratung.

Bevor eine belastbare Empfehlung entsteht, wird analysiert, strukturiert, abgestimmt, dokumentiert und verdichtet.

Und ja: Dabei spielen Excel und PowerPoint eine durchaus relevante Rolle.

Vor allem PowerPoint und ich führen bislang eine schwierige Beziehung.

Meine Kolleginnen und Kollegen sind darin nicht nur schneller als ich, sondern auch erheblich präziser. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass fünf Minuten Management-Präsentation durchaus das Ergebnis von zwei Tagen ernsthafter Analyse sein können.

Dann sind diese zwei Tage gut investiert.

Denn der Wert liegt nicht in der Anzahl der Folien. Er kann darin liegen, dass eine komplexe Fragestellung soweit verdichtet wurde, dass eine belastbare Entscheidung überhaupt möglich wird.

Mit einem anderen Teil hadere ich trotzdem.

Wenn die Erkenntnis bereits steht, möchte ich möglichst wenig menschliche Zeit dafür verwenden, sie mechanisch von einem Format in ein anderes zu übertragen.

Nicht weil Aufbereitung unwichtig wäre.

Sondern weil genau dort Technologie zunehmend helfen kann.

Bei Excel geht es mir ähnlich.

Excel ist ein erstaunlich vielseitiges Werkzeug. Aber gerade deshalb besteht die Gefahr, dass es irgendwann für Aufgaben eingesetzt wird, für die ein anderes Werkzeug geeigneter wäre.

Wenn man nur einen Hammer hat, sieht irgendwann alles wie ein Nagel aus.

 

Die Excel-Datei, die keine Excel-Datei sein wollte

Einige Wochen später starre ich wieder auf Excel.

Diesmal ist mein erster Gedanke:

Warum ist das überhaupt Excel?

In einem Kundenprojekt arbeiteten wir mit einer umfangreichen Sammlung von Tabellen.

Mein erster Impuls war nicht, die Datei schöner zu machen. Ich wollte wissen, ob Excel hier überhaupt das richtige Werkzeug ist.

Ich habe diese Frage offenbar oft genug gestellt, bis aus der bestehenden Sammlung schließlich das Konzept für ein webbasiertes relationales Werkzeug entstand.

Das war für mich ein wichtiger Moment.

Nicht, weil Webanwendungen grundsätzlich besser als Tabellen wären.

Sondern weil ich gemerkt habe, dass meine Perspektive einen Nutzen haben kann.

Mein Reflex besteht häufig darin, einen Schritt zurückzugehen.

Ist das Problem, das wir gerade bearbeiten, tatsächlich die Ursache? Oder sehen wir nur ein Symptom? Ist das Werkzeug falsch? Ist der Prozess falsch? Stellen wir gerade die richtige Frage?

Diese Denkweise ist hilfreich.

Ich habe bei COMPLION allerdings auch gelernt, dass sie eine Kehrseite hat.

Wer immer noch eine weitere Abhängigkeit findet, macht eine Analyse nicht automatisch besser. Manchmal wird sie einfach nur größer.

Nicht jedes Problem wird besser, wenn man es größer macht.

Für jemanden wie mich, dessen Instinkt darin besteht, hinter das eigentliche Problem schauen zu wollen, ist das keine ganz banale Erkenntnis.

 

Anders denken lernen

COMPLION hat meine Arbeitsweise in diesen Monaten bereits weiterentwickelt.

Ich gehe Themen strukturierter an. Ich denke stärker in Ebenen, Abhängigkeiten und Strukturen. Gleichzeitig lerne ich, wann diese Metaebene tatsächlich hilfreich ist und wann sie nur zusätzliche Komplexität erzeugt.

Auch Sprache spielt dabei eine größere Rolle, als ich erwartet hatte.

Zwanzig Jahre Vertrieb, Marketing und unternehmerische Kommunikation verschwinden nicht plötzlich, nur weil auf der neuen Visitenkarte Consultant steht.

Beratung verlangt häufig eine andere Präzision.

Weniger rhetorische Verstärkung. Ursache und Wirkung sauberer trennen. Aussagen so formulieren, dass sie fachlich belastbar bleiben.

Dieser Paradigmenwechsel fällt mir teilweise schwerer als neue Fachthemen.

Auf der anderen Seite bringe ich selbst eine andere Arbeitswelt mit.

MVPs, agile Prototypen, Dinge ausprobieren, messen, verwerfen, verbessern. Dazu eine große Neugier auf KI und Automatisierung.

Ein Kollege hat unsere unterschiedlichen Geschwindigkeiten einmal ziemlich passend beschrieben:

COMPLION sei der Igel. Ich sei der Hase.

Das trifft es wahrscheinlich ganz gut.

Ich würde manche Dinge gerne ausprobieren, während andere zunächst sehr genau prüfen, unter welchen Bedingungen das sinnvoll ist.

Heute sehe ich das differenzierter.

Nach sieben Monaten glaube ich allerdings auch hier weniger an einfache Antworten. Der Hase kann vom Igel lernen, dass Geschwindigkeit allein kein Fortschritt ist.

Und der Igel kann vielleicht gelegentlich vom Hasen lernen, dass man nicht jeden Weg vollständig kartieren muss, bevor man losläuft.

 

Der arme Junior namens KI

Gerade beim Thema KI wird diese Frage für mich besonders interessant.

Ich bin mit großer Begeisterung für Automatisierung und künstliche Intelligenz zu COMPLION gekommen. Die vergangenen Monate haben diese Begeisterung nicht gebremst.

Aber sie haben meinen Blick darauf verändert.

Je mehr ich über Beratungsmethodik lerne, desto deutlicher wird mir: Man kann nur sinnvoll automatisieren, oder von KI ausführen lassen, was man verstanden hat.

Recherche, erste Analysen, Dokumentation, Aufbereitung und die Übertragung von Ergebnissen in unterschiedliche Formate lassen sich bereits heute teilweise automatisieren oder erheblich beschleunigen.

Diese Entwicklung wird rasant weitergehen.

Wenn man bedenkt, dass wir vor nicht einmal zwei Jahren noch KI-Bilder bestaunt haben, auf denen Menschen acht Finger hatten, und heute generierte Videos sehen, die sich selbst für geübte Augen kaum noch erkennen lassen, ist das Tempo bemerkenswert.

Das bedeutet für mich aber nicht, dass junge Consultants oder alte Quereinsteiger die Grundlagen dieser Arbeit nicht mehr kennenlernen sollten.

Im Gegenteil.

Ein Consultant sollte die Fundamente mit allen Freuden und Schmerzen durchlebt haben.

Er sollte erleben, warum schlechte Ausgangsdaten eine Analyse ruinieren können. Und er sollte verstehen, warum eine kleine Unschärfe am Anfang später zu einem falschen Ergebnis führt.

Wer diesen Schmerz nie erlebt hat, wird schwer beurteilen können, wo KI sinnvoll unterstützt und wo sie nur schneller Unsinn produziert.

„Shit in, shit out“ bleibt erstaunlich zukunftssicher. Eine KI verhält sich nur so intelligent, wie die Person, die sie bedient.

Meine Vorstellung von KI in der Beratung ist deshalb weniger der allwissende Ersatz für Consultants.

Ich sehe eher einen ziemlich beschäftigten Junior vor mir.

Wir geben ihm Rechercheaufträge, lassen ihn Tabellen aufbereiten, erste Strukturen erstellen und unsere gedanklichen Konstrukte in verwertbare Resultate übersetzen.

Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt menschlicher Beratung.

Das Denken verschwindet nicht.

Im Gegenteil.

Erfahrung wird wichtiger. Methodische Sicherheit wird wichtiger. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, die richtigen Ableitungen treffen und Ergebnisse einzuordnen, wird wichtiger.

Und ebenso die Fähigkeit, hinter einem Auftrag zu erkennen, welches Problem ein Kunde eigentlich lösen möchte.

Vorausgesetzt, man weiß auch, wann genau dieser Blick über den Tellerrand sinnvoll einzusetzen ist.

 

Sieben Monate später

Wenn ich heute an den 16. Januar in Köln zurückdenke, ist die Excel-Präsentation noch immer ein ziemlich gutes Bild für meine ersten Monate.

Nicht, weil Excel das Problem wäre. Sondern weil ich mir in Erinnerung rufen musste, wann ein Werkzeug einfach nur ein Werkzeug ist und wann es ein Hinweis darauf ist, dass man eine Aufgabe grundsätzlich anders betrachten sollte.

Ich habe in den vergangenen Monaten viel aufgesaugt. Methoden. Struktur. Andere Sichtweisen. Eine präzisere Art, Probleme zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen.

Vor allem hat sich aber mein Blick auf Beratung verändert. Ich bin mit einer ziemlich klaren Vorstellung davon gestartet, was gute Beratung ausmacht.

Einiges davon halte ich heute noch für richtig. Bei anderem war ich erstaunlich naiv.

Die Frage, die mich bei der Auftaktveranstaltung noch begleitet hat, hat sich ebenfalls verändert.

Kann ich hier überhaupt Nutzen stiften?

Heute würde ich sagen: Ja.

Nicht, weil ich inzwischen genauso arbeite und denke wie meine Kolleginnen und Kollegen. Sondern weil ich es nicht tue.

Und weil ich gleichzeitig inzwischen besser verstehe, wie viel ich von ihnen noch lernen kann.

Wenn ich dem Sebastian am Abend vor seinem ersten Arbeitstag heute zwei Sätze schicken könnte?

Sei selbstbewusst.

Und mach den verdammten PowerPoint-Kurs.

 

Verfasser: Sebastian Berger