Mein erstes Halbjahr in der IT-Unternehmensberatung: Erfahrungswerte und die Allgegenwärtigkeit von PowerPoint
Vor über sechs Monaten habe ich meinen ersten Tag als IT-Unternehmensberater angetreten – mit viel Vorfreude und, ehrlich gesagt, keiner wirklichen Ahnung, was mich erwartet. Heute weiß ich: Der Job erfüllt alle Klischees und es steckt noch so viel mehr dahinter. Zeit für einen Rückblick – und einen subjektiven Einblick in ein Berufsbild, das viele nur aus Stereotypen kennen.
Was macht ein IT-Unternehmensberater eigentlich?
Kurz gesagt: Wir helfen Unternehmen dabei, ihre IT-Landschaft, Prozesse oder Strategien unter Kontrolle zu bekommen und weiterzuentwickeln – meist im Rahmen von zeitlich begrenzten Projekten bei wechselnden Kunden. Im Kern geht es darum, Probleme zu verstehen, Ursachen zu finden und Lösungswege zu entwickeln und diese so aufzubereiten, dass Kunden fundierte Entscheidungen treffen können (Spoiler: PowerPoint). Grundsätzlich haben wir gewöhnliche Arbeitsalltage – bis zum nächsten Curve-Ball: Ein spontaner Richtungswechsel, eine neue Anforderung, ein Plan, der über den Haufen geworfen wird.
Teamarbeit ist keine Floskel, sondern Überlebensprinzip
Was mich am meisten überrascht hat: Wie eng man im Projektteam zusammenarbeitet. Aufgaben werden aufgeteilt, aber niemand arbeitet wirklich isoliert – meine Ergebnisse bauen auf denen meiner KollegInnen auf, und umgekehrt. Das bedeutet auch: Fehlende Kommunikation kann richtig gefährlich werden. Ein Missverständnis, eine nicht weitergegebene Info, und plötzlich passen zwei Bausteine nicht mehr zusammen oder es fehlt etwas. Was ich aber genauso gelernt habe: In diesem Job springt man füreinander ein, ohne zu zögern. Wenn jemand unter Wasser steht, hilft man – weil man weiß, dass es beim nächsten Mal andersherum sein könnte.
Zeitdruck gehört zum Alltag
Deadlines sind kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Das hat mich am Anfang ehrlich gestresst, weil ich dachte, ich müsste alles perfekt planen und ausführen. Mittlerweile weiß ich: Es geht nicht um Perfektion, sondern um gutes Zeitmanagement. Prioritäten setzen, realistisch einschätzen, wann man Hilfe braucht – das ist eine Fähigkeit, die man sich hier schnell aneignen muss. Oder eben aneignen sollte.
Am Ende entscheidet der Kunde – nicht wir
Eine Lektion, die mir zu Beginn schwerfiel: Wir erarbeiten Analysen, Konzepte, Empfehlungen – aber die finale Entscheidung liegt beim Kunden. Ob wir eine Entscheidung fachlich für sinnvoll halten oder nicht, ist bis zu einem gewissen Grad zweitrangig. Das Projekt geht weiter, so oder so. Das klingt zunächst ernüchternd, ist aber auch befreiend: Man lernt, die eigene Rolle realistisch einzuordnen – als BeraterIn, nicht als Entscheidungsträger.
PowerPoint regiert die Welt
Und jetzt zum vielleicht unterhaltsamsten Learning: Egal, welche Analyse-Tools, Datenbanken oder Programme im Projekt zum Einsatz kommen – am Ende landet fast alles in einer PowerPoint-Folie. Ich habe mittlerweile eine extreme Hassliebe zu diesem Programm entwickelt. Es ist DAS gemeinsame Werkzeug der Beratung, die universelle Sprache, in der Ergebnisse präsentiert werden. Wer diesen Job macht, sollte sich besser früher als später mit Folienlayouts, Storylines und Key Takeaways anfreunden.
Für wen ist der Job (nicht) geeignet?
Ganz ehrlich: Wer pünktlich um 17 Uhr den Stift fallen lassen möchte oder sich nach vorhersehbaren, immer gleichen Aufgaben sehnt, wird hier nicht glücklich. Dieser Job fordert – zeitlich, inhaltlich, mental. Aber er fördert auch, und zwar kontinuierlich. Man wird oft ins kalte Wasser geworfen und den senioren KollegInnen zufolge hört das nie auf. Wer Abwechslung, Lernkurven und Herausforderungen sucht, ist hier goldrichtig.
Mein Fazit nach einem halben Jahr:
Ich habe mehr gelernt als ich erwartet hätte – fachlich und über mich selbst. Man muss ständig die eigene Perspektive erweitern, sich in unbekannte Themen schnell und intensiv reinfuchsen und sich manchmal regelrecht festbeißen, bis man sie versteht. Der Job ist fordernd, keine Frage. Aber genau das macht der Beruf des Consultants für mich persönlich wertvoll.
Geschrieben von Senem Sünger